Geht es im Irankrieg um religiösen Fundamentalismus? Geht es um Öl? Geht es in Wirklichkeit gegen China? Es ist falsch, diese Fragen als sich ausschließende zu stellen. Der Vorteil der Geopolitik liegt gerade darin, all diese Ebenen zu vereinigen


Der Beitrag ist am 8. März 2026 zuerst erschienen auf kisoudis.substack


Von Dimitrios Kisoudis


Dimitrios Kisoudis ist Publizist und strategischer Berater. Er verantwortet das geopolitische Online-Magazin Weltinsel


Geopolitik hat mehrere Ebenen. Da wäre die materielle Ebene. Rohstoffe werden geschöpft, aufbereitet, gehandelt. Korridore und Leitungen verbinden Staaten oder Großräume. Entsteht ein Konflikt, muss sich der Staat entscheiden: Welche Entscheidung ist besser für sein materielles Wohlergehen? Diese Entscheidung ist rational, sie lässt sich einbetten in einen evolutionären Kampf ums Überleben oder in eine spieltheoretische Situation.


Da wäre die mentale Ebene. Völker haben eine Mentalität oder mehrere Mentalitäten. Diese geistigen Haltungen bestehen aus unterschiedlichen Voraussetzungen und Gefühlsneigungen. Sie beeinflussen die Entscheidungsfindung, weil sie Akteure in vergleichbaren Situationen andere Entscheidungen treffen lassen. Mentalitäten bewegen sich in der Geschichte auf der langen Dauer. Sie machen eine Tiefenebene aus und formen die Persönlichkeit eines Volks.


Die Persönlichkeit eines Volks wird auch geformt durch geografische Gegebenheiten. Manche Völker leben eingekesselt zwischen Bergen, andere treibt es von der Küste ins Offene. Manche Völker leben in Randlage, andere umgeben von möglichen Feinden in der Mitte. Im Zusammenleben mit Nachbarn und Nachbarsnachbarn beeinflussen sich die Völker gegenseitig, verstärken gegenseitig ihre Eigenarten, prägen ihre Mentalitäten.


Religion ist Mentalität und mehr. Sie enthält Muster zum Erkennen der Wirklichkeit und zum Verhalten in der Wirklichkeit. Indem sie diese Muster an Vorstellungen vom Guten und Bösen bindet, verstärkt sie Haltungen und Handlungen mit Gefühlen. Religion ist als Schrift, als Ritual aber auch objektiviert und völkerübergreifend. Sie enthält eine Erzählung vom Anfang und Ende der Geschichte, die mit anderen Erzählungen in Widerstreit gerät.


Natürlich spielt sich der Irankrieg auf all diesen Ebenen ab. Auf der materiellen Ebene konkurrieren Korridor-Projekte der BRICS mit dem IMEC-Korridor, mit dem der Westen und Israel Eurasien nach ihren Vorstellungen formen wollen. Mit dem Erdöl steht ein Rohstoff auf dem Spiel, der nicht nur die Industrienationen in Gang hält, sondern auch das globale Geldsystem vom Ökonomischen ins Politische übersetzt.


Auf der materiellen Ebene sind die Entscheidungen rational, haben die Akteure bestimmte Interessen. China will mit der Neuen Seidenstraße den Kontinent durchdringen, Russland die Macht der USA zurückdrängen. Der Iran braucht eine materielle Infrastruktur, die ihn gegen Sanktionen absichert. Israel will Westasien nach seinen Vorstellungen umformen. Und die USA wollen den Petrodollar gegen Angriffe von Osten schützen, um ihre unipolare Vorherrschaft als Weltmacht vor der Multipolarität zu behaupten.


Auf der mentalen Ebene wird die rationale Wahl durch Neigungen und Vorstellungen gekrümmt. Die arabischen Golfstaaten lassen sich leichter für Deals gewinnen als die Iraner. Der iranische Rigorismus ist schwerer zu durchdringen als der doppelmoralische Fanatismus, den man sonst in der Region häufig antrifft. Der Pragmatismus und Unternehmergeist der US-Amerikaner schließt sich einer Mentalität an, die sich v.a. durch die Ansiedlung von Juden aus dem westrussischen Ansiedlungsrayon in Palästina herausgebildet hat. [1] Usw.


Der Iran verbindet als riesiges Land zwischen Westasien auf der einen Seite und Zentralasien sowie Pakistan auf der anderen Seite mehrere Großräume. Er garantiert dem BRICS-Block Zugang zur erdölreichen Region. Er bietet Achsen für mehrere Korridore. Und er ist der zentrale Gegenspieler des Landes, das die Hegemonie der USA befestigt – in Westasien und darüber hinaus. Diese Rolle des Iran wird durch das festungsartige Relief des Landes noch verstärkt. Die Reichsgeschichte der Perser von den Achämeniden bis zu den Safawiden schwingt mit.


Israel muss seine Rolle von einem kleinen Staatsgebiet aus erfüllen. Um Eigenständigkeit zu gewinnen, strebt es nach Vergrößerung. Um seine flächenmäßige Unterlegenheit bei der Kriegsführung zu kompensieren, geht es wuchtig vor. Die übergroßen Aufgaben schultert es mit Unterstützung durch den Westen und mit dem Selbstbewusstsein der Auserwähltheit. Als letzte Option bleibt ihm – dank der Atombomben, die es mutmaßlich besitzt – die Samson-Option: Halt, oder wir sterben!


Zu den rationalen Elementen der Geopolitik gesellen sich Elemente, die aus der Perspektive des Ungläubigen oder Aufgeklärten irrational erscheinen. Aus der Perspektive des Gläubigen erscheinen sie hingegen rational, weil ihnen eine höhere Wahrheit zukommt. Die Schiiten unterhalten die Islamische Republik, um dem verborgenen Imam den Weg zu bereiten. Manche Juden wollen die Ankunft des Moschiach beschleunigen. Und evangelikale Christen erstreben den dritten Tempel, weil sie glauben, dann käme Christus wieder.


Worum geht es im Irankrieg? Geht es um Ressourcenverteilung im Kampf der Völker um Macht und Überleben? Handelt es sich um einen Stellvertreterkrieg der USA gegen China, um ein explosives Zuschnappen der Thukydides-Falle? Treffen hier fanatische Mullahs auf entschlossene Verteidiger der Aufklärung oder – je nach Vorliebe – auf ein christlich-zionistisches Bündnis? Geht es um Öl, um Geld, um Korridore?


Das Gute an der Geopolitik: Sie kann sich auf allen Ebenen bewegen und diese Ebenen aufeinander beziehen. Sie bietet der Spieltheorie ebenso Platz wie der Mentalitätsgeschichte oder der Religionssoziologie. Dass um Material gestritten wird, schließt Metaphysik nicht aus. Dass Akteure mit persönlichen oder sozialen Interessen handeln, schließt die Katastrophe nicht aus und den Kompromiss nicht automatisch ein. Man muss nur erfassen, wo der Übergang der einen Ebene auf die andere stattfindet.


Es geht also um Ressourcen, um Handelswege, um Mentalität und Metaphysik. Die Rationalität der Handlungen ergibt sich, wenn man alle Voraussetzungen einbezieht. Das Gleiche gilt für Europa. Erst wenn diese terra incognita der Geopolitik wieder kartografiert ist, lassen sich Interessen erkennen und formulieren. Am Anfang steht das Ende der Amnesie.


Anmerkungen


[1] Yuri Slezkine, The Jewish Century, Princeton u.a. 2004.


Titelbild: Falnamah-Miniatur (Indien, ca. 1610–1630), Khalili Collection, Public Domain.